Nicht nur beten – tun!
Es ist besser, zu gebrauchen, was vor Augen ist, als nach anderm zu verlangen. Das ist auch eitel und Haschen nach Wind. (Prediger 6,9 Luther)
Luther bringt es hier schön auf den Punkt, klingt aber etwas anders als andere Übersetzungen. Mich hat diese Stelle immer schon angesprochen. Meine erste Bibel, die ich von vorne bis hinten durchgelesen habe, war eine Luther, und Prediger war eines der ersten Bücher, die ich mit Lust gelesen habe. Eigentlich klar, denn die philosophische Sprache und Themenwahl passen gut zu meinem Charakter.
Der Prediger hat vieles erkannt – das meiste negativ. Das meiste in der Welt ist eitel – Haschen nach Wind. Man kann es tun, aber es bringt einfach nichts. Es bringt nichts, nach etwas zu verlangen, wenn man schon mit dem, was vor Augen ist, nichts anfangen kann. Wie viele sehnen sich nach etwas anderem, besserem, gebrauchen aber nicht das, was Gott ihnen gegeben hat? Ein Großteil unserer Gebete ist von dieser Sehnsucht durchdrungen: „Jesus, gib mir dieses, Vater, schenk mir jenes.“ Mit einer besseren Gitarre könnte ich viel besseren Lobpreis machen. Mit einer anderen Gemeinde wäre ich der Prediger, der ich eigentlich sein könnte. In einem anderen Land hätte ich endlich meinen Heilungsdienst… Vielleicht ist einiges davon sogar wahr – mit einer besseren Gitarre kann man wirklich besser Lobpreis machen.
Die Aussage des Predigers ist auch nicht, dass Situationen nicht besser werden können oder dass bessere Bedingungen nicht tollere Ergebnisse bringen. Die Aussage ist, dass uns die Sehnsucht nach mehr und Besserem nicht davon abhalten darf, treu mit dem zu sein, was wir haben!
Ich habe so viele Leute mit großen Träumen gesehen, die nie angefangen haben, sie zu verwirklichen. Eine Weile hatte ich das Gefühl, dass „Visionäre“ Träumer mit großen Ideen sind, die daran scheitern, ihre Visionen umzusetzen. Wer von seinem großen Dienst nur träumt und für ihn betet, aber nie den ersten Schritt geht, ist untreu mit den Mitteln, die Gott ihm zur Verwaltung gegeben hat. Viele sind enttäuscht von Gott, weil Prophetien über ihr Leben nicht eingetroffen sind – sie haben aber selber nie Schritte in dieser Richtung unternommen. Ich glaube ganz ehrlich, dass es zu jeder Vision von Gott einen ersten Schritt gibt, den wir gehen können. Wenn wir Gottes Reich in unserem Leben sehen wollen, ist es wichtiger, diesen ersten Schritt zu gehen als zu beten, dass die Vision sich erfüllt.
Jesus selbst beschreibt im Gleichnis mit den Talenten (Matthäus 25), wie Wachstum funktioniert. Verkürzt gesagt: „Alles, was Du einsetzt, wird mehr. Alles, was Du nicht gebrauchst, geht verloren.“ Wachstum geschieht also, wenn wir das nutzen, was wir vor Augen haben.
Ich habe das selber oft erlebt. Eine der ersten Sachen, die ich – ganz kurz nach meiner Bekehrung – von Jesus gehört habe, war, dass ich Prediger werden soll. Damals kannte ich gar keine Prediger, nur Pfarrer. Ich hatte ein Bild, vor Massen von Menschen zu stehen. Der Anfang war superklein: eine kurze Andacht in einer bayrischen Pfingstgemeinde auf dem Weg mit „Jugend mit einer Mission“ nach Albanien. Danach lange nichts. In dieser Zeit habe ich oft beim Spazieren gehen oder Autofahren Predigten in meinem Kopf gehalten – nur so für mich, um es zu üben und mich selbst mit Gottes Wort zu erbauen. Dann kamen Predigten vor zwei, drei oder fünf Leuten. Manchmal kamen Anfragen, bei denen ich wusste, dass es nicht gutgehen kann. Ich habe jeden Termin angenommen und jede Gelegenheit beim Schopf ergriffen, egal ob sie attraktiv war oder nicht. Oft habe ich noch draufgezahlt, weil es nicht mal ordentliches Spritgeld gab. Mittlerweile habe ich beim Freakstock und anderen Gelegenheiten vor sehr vielen Menschen gepredigt, und ich habe seit langem keinen Mangel mehr an Einladungen.
Ich wusste die ganze Zeit, dass sich meine Vision von den Massen nicht erfüllen wird, wenn ich nicht bereit bin, das zu nutzen, was vor Augen ist. Wir dürfen uns nicht von Zielen blenden lassen, sondern sollten darauf schauen, was Jesus uns bereits gegeben hat. Ich bin sicher, dass jeder von uns etwas finden wird.

